Teilpersönlichkeiten im Focusing| über den focusingorientierten Umgang mit Teilpersonen

von Monika Timme

Im Focusing sind wir als Focussierende im Idealfall im inneren Freiraum. In einem Empfinden von Weite und wohlwollendem Interesse für das, was sich zeigen möchte.

Unser Organismus Körper umfasst in seiner Weite immer das Ganze einer Situation. Mit unserem „inneren Beobachter“ können wir innerlich wahrnehmen, was gerade unsere Aufmerksamkeit braucht.

„Ich bin dieses ganze innere System und mehr als das. Und aus diesem Zustand heraus kann ich mich auf meine Teilaspekte/ Teilpersonen beziehen.“ ( Klaus Renn, Magische Momente, Kösel-Verlag 2016 )

Wenn wir in unserem Organismus Körper ein „etwas“ bemerken, was sich zeigt, können wir fragen: „und wenn dieses „etwas“ ein „jemand“ wäre…?“  

Es kann so etwas sein wie „Ich bin da – und ich nehme innerlich etwas „Freudig-Hüpfendes“ wahr…“ Dabei bin ich als focussierende Person größer als das „Freudig-Hüpfende“. Im Idealfall ermöglicht mir die Haltung des inneren Freiraums, um das „Freudig-Hüpfende“ herum zu gehen, und es in Ruhe auf mich wirken zu lassen. Nun kann ich mich als focussierende Person fragen: „wenn dieses „Freudig-Hüpfende“ ein „jemand“ wäre…wen nehme ich innerlich wahr…?“ Vielleicht würde ein inneres Kind auftauchen. Dann könnte ich innerlich zu diesem inneren Kind in Beziehung treten, und fragen, was dieses innere Kind gerade erlebt. Vielleicht hätte es einen Wunsch? Vielleicht wüsste es schon, dass wir gleich an der Eisdiele vorbei radeln, und würde sich sehnlichst ein Eis und eine Pause wünschen, bevor ich in die Praxis gehen würde. Wenn ich im inneren Freiraum bin, behalte ich in mir die Freiheit, diesen Wunsch auf mich wirken zu lassen. Vielleicht würde ein weiteres „etwas“ in mir auftauchen…vielleicht ein drängendes Gefühl, jetzt direkt ohne Eis in den Praxisraum zu gehen, und dort alles gut vorzubereiten. Wenn ich hier nach einem „jemand“ fragen würde, könnte es sein, dass meine „innere Managerin“ in Erscheinung treten, und mich darauf hinweisen würde, dass die Zeit knapp ist. Als Focussierende würde ich auch diesen Hinweis wohlwollend entgegen nehmen. Ich könnte dann mit all dem verweilen, mit der Aufmerksamkeit in meine Körpermitte gehen und mich nach Innen fragen: „wenn ich nun all das gehört und wahrgenommen habe…und das so auf mich wirken lasse…was geschieht dann in mir?“ Und egal, wie meine Entscheidung ausfallen würde: ich könnte mein inneres Kind und meine innere Managerin wissen lassen, dass ich sie beide gehört habe, und dann schauen, was es für unser miteinander gerade noch bräuchte.

In dieser Weise können innerlich verschiedenste Teilpersönlichkeiten auftauchen. Wenn wir innerlich ein „etwas“ zu einem „jemand“ werden lassen, ermöglicht uns dies ein persönliches in-Beziehung-treten mit diesem inneren Erleben. Die auftauchende Gestalt einer Teilpersönlichkeit ist wie eine passende Form, in die das innere Erleben hinein fließen kann. Teilpersönlichkeiten sind Erlebensganzheiten. Sie vereinen Gefühle, Körperempfindungen, Sichtweisen, Gedanken, Erinnerungen, Bewertungen, Impulse, typische Sätze, Wünsche, Visionen und unsere spirituelle Realität zu einem ganz speziellen „jemand“.

So können wir innerlich in Beziehung treten zu „inneren Kritikern“, “inneren Kindern“, „inneren Antreibern“, „der weisen Alten“, „inneren Kriegern“, „inneren Friedensstifterinnen“, „inneren Managerinnen“, „inneren Angsthasen“, „inneren Nebelwerfern“ und vielen anderen mehr. Je nach innerem Erleben und innerer Bilderwelt entstehen in jeder und jedem von uns unterschiedlichste Teilpersönlichkeiten. Auch andere Teile wie Tiere, Bäume, Steine, Brunnen, Wände, Löcher, Archetypen, können erscheinen.

Im Focusing entstehen Teilpersönlichkeiten immer wieder neu aus dem gegenwärtigen Erleben heraus. Es gibt nicht „DAS innere Kind“ oder „DIE innere Kritikerin“. Je nach Situation und Erleben kreiert sich aus dem jeweilig gegenwärtigen Kritischen immer wieder von Neuem eine „innere Kritikerin“. Wenn das Kritische mit der Zeit gemäßigter auftritt, zeigt sich vielleicht plötzlich eine Figur, die zunächst wie die „innere Kritikerin“ scheinen mag – durch ihr neues verändertes Auftreten dann aber einen neuen Namen braucht: „innere Lehrerin“ oder „innere Sekretärin“, die uns hilfreiche Tipps geben möchte. Im Focussieren können wir immer wieder von Neuem gespannt sein, wie genau eine uns scheinbar schon vertraute Teilperson zum jetzigen Zeitpunkt auftauchen wird. Manche Anteile kennen wir möglicherweise als stark strukturgebunden – vor allem, wenn sie oft sehr ähnlich und in vielen Aspekten „gleich“ bleiben. Doch auch sie werden jedesmal neu und frisch aus dem inneren Erlebensfluss symbolisiert. Jede Teilperson ist mit der jeweiligen aktuellen Situation verbunden, in der sie sich zeigt. In dieser Weise können sich Teilpersonen verändern und entwickeln. Sie reagieren auch unmittelbar auf Veränderungsschritte im Focusingprozess: aus einem zu Beginn des Focusingprozesses aufgetauchtem „Konfliktvermeider“ kann am Ende des Prozesses ein „weiser Beschützer“ werden. Diese Verbindung mit dem jetzt unterscheidet die focusingorientierte Arbeit mit Teilpersonen konzeptuell von anderen Ansätzen von Teilpersonenarbeit.

Einigen Teilpersönlichkeiten sind wir wahrscheinlich spontan dankbar für ihre Begleitung und Unterstützung für uns. Bei anderen fällt es uns vielleicht schwer, anzuerkennen, dass auch sie ein Anteil sind, der irgendwie zu uns gehört. Der äußerste Rand des innerlichen Annehmens könnte sein: „Auch wenn es mir schwer fällt: ich sehe, dass auch du irgendwie zu mir gehörst. Auch du hast deine Geschichte, warum du da bist…“

Auch Teilpersönlichkeiten brauchen von uns die Einladung, sich zuerst einmal zeigen zu dürfen. Mit allem – egal, ob es uns gefällt oder nicht. Als Focussierender Mensch wissen wir, dass wir als Ganzes größer sind, als dieser Teil, der sich gerade zeigt. Wir können uns mit innerem Freiraum und gutem Abstand dafür interessieren, wer da gekommen ist. „Was sein darf, kann sich verändern.“

Teilpersonen im Raum verorten: So, wie wir im Focusingprozess inneres Erleben partialisieren –(  aus „Ich bin wütend“ wird „Ah, da ist etwas Wütendes.“ ), können wir Teilpersonen externalisieren. Wir können uns im Focusingprozess fragen: „Wenn dieser „Jemand“ hier im Raum anwesend wäre… wo könnte das sein…?“

Die Focussierende Person geht zu diesem Platz, und wartet, was geschieht…vielleicht ist etwas von diesem „Jemand“ hier zu spüren? …Wie fühlt es sich an?…Wo im Körper spüre ich es?…Wenn dieser „Jemand“ hier eine Körperhaltung einnehmen würde: wie würde das aussehen?…

Die Focussierende Person kann diese Körperhaltung einnehmen und innerlich auf sich wirken lassen, wie es sich anfühlt in dieser Haut. Die Begleitende Person kann die Focussierende Person fragen, ob sie mit diesem „Jemand“ sprechen darf. Wenn die Focussierende zustimmt, stellt sich die Begleitende der Teilpersönlichkeit vor. Es kann gut sein, sie zu fragen, ob sie beim „Sie“ bleiben möchte? Oder das „Du“ bevorzugt? Und dann kann die Focussierende die Teilperson mit deren Einverständnis interviewen.

Wenn wir Teilpersonen innerlich erforschen oder interviewen, gilt: immer parteilich auf der Seite der Teilperson! Ohne Bewertung. Auch Teilpersonen brauchen einen wohlwollenden Raum, um sich zeigen zu können.

Stellen wir uns vor, es sei ein „Nebelwerfer“ aufgetaucht – eine männliche Figur, die ihren Spaß daran hat, in unübersichtlichen Situationen überallhin Nebelwolken zu werfen. Als Interviewerin interessiere ich mich dafür, was genau der Nebelwerfer für die Focussierende tut. Und wie es wirkt. Vielleicht erzählt er, dass der Nebel die Focussierende schützt. Was genau würde passieren, wenn er es nicht tun würde? Sie müsste womöglich unangenehme Gefühle erleiden. Was wünscht sich der Nebelwerfer für die Focussierende? Wie würde ihr Leben bestmöglich aus seiner Sicht aussehen? Der Nebelwerfer könnte erzählen, wie sehr er sich Schutz und Sicherheit für die Focussierende wünscht. Und vielleicht ahne ich als Fragende, dass diese Figur eigentlich etwas Gutes für die Focussierende will. Ich könnte fragen, wie lange er schon bei der Focussierenden ist? Vielleicht würden wir etwas über die Kindheit erfahren, und wie wichtig es damals war, dieses Kind mit den Nebelwolken zu beschützen. Es lohnt sich in so einem Fall, nachzufragen, ob die Teilperson weiß, in welchem Jahr wir uns inzwischen befinden? Oft wissen Teilpersonen nicht, dass der Focussierende Mensch inzwischen erwachsen geworden ist.

Alle Teilpersonen wollen letztlich etwas Gutes für uns. Auch wenn es manchmal nicht gleich zu erkennen ist. Oft sind solche Teilpersonen in der Kindheit entstanden, und haben damals dafür gesorgt, dass wir schmerzhaftes Erleben irgendwie aushalten konnten. Wenn sie vierzig oder fünfzig Jahre später immer noch auf die gleiche Weise in unserem Leben agieren, kann sich das für uns hinderlich und unpassend anfühlen. Dann kann der Moment gekommen sein, die Teilperson für ihre langjährige Arbeit zu würdigen, und ihr zu sagen, dass nun eine andere Zeit ist. Für viele Teilpersönlichkeiten ist der „alte Job“, den sie immer noch tun, inzwischen auch belastend. Vielleicht ist es möglich, sie für eine andere Form von Unterstützung anzufragen? Der „Nebelwerfer“ könnte vielleicht zu einer kraftvollen Beschützerfigur werden. Er könnte die nun erwachsene Person in für sie schwierigen Situationen zum inne-halten bewegen. Und es mit ihr zusammen aushalten, wenn ein unangenehmes Gefühl auftaucht. Er könnte ihr zur Seite stehen, einen guten nächsten Schritt für das Ganze zu finden.

Für Teilpersönlichkeiten, bei denen es uns schwer fällt, unseren inneren Freiraum zu halten, braucht es viel Langsamkeit. Es kann helfen, innerlich einen guten Ort im Körper zu suchen, an dem noch Freiraum spürbar ist. Und dort immer wieder Freiraum-Pausen einzulegen. Oder von dort zu der Teilperson hinüber schauen, und sie erst mal mit sicherem Abstand wahrzunehmen. Gegebenenfalls ist es auch gut, die Teilpersönlichkeit zu würdigen, und wissen zu lassen, dass ich bald wieder komme. Eine Freiraum-Pause einlegen, und für ein stimmiges setting mit jemand zu sorgen, die  Erfahrung mit der Arbeit mit Teilpersönlichkeiten hat, und den weiteren Begegnungsprozess begleiten kann.

Alles in unserem Organismus Körper möchte uns letztlich unterstützen, und ist mit uns gemeinsam an dieser fortwährenden Suche nach dem nächsten stimmigen Schritt beteiligt. Es lohnt sich, die auftauchenden Teilpersönlichkeiten zu unterstützenden Begleiterinnen und Begleitern zu gewinnen. In dieser Weise können wir alltagstauglich innere Teambesprechungen abhalten, und je nach Situation schauen: wen brauche ich für diese Herausforderung in der ersten Reihe? Wer sollte jetzt in die Pause gehen? Wen wünsche ich mir dicht an meiner Seite? In dieser Weise wird der focusingorientierte Umgang mit Teilpersönlichkeiten eine kraftspendende Ressource zur Alltagsgestaltung.

Ein Text über den focusingorientierten Umgang mit Teilpersönlichkeiten aus dem Sommerschulseminar „Eine neue Beziehung – heilsame Beziehungen gestalten mit Focusing und kreativen Medien“ im Juli 2025, mit Monika Timme und Arnika Rickert-Thies

Text von Monika Timme, Lehrende im DFI und Ausbilderin Focusing Basis Ausbildung Bonn. Focusingtherapeutin i.Z. DFI, Kinderfocusingbegleiterin, Dipl. Kunsttherapeutin für Schauspiel mit Sprechkunst, Theatertherapeutin reg. DGfT, Dipl. Theaterpädagogin, Dance-alive-specialist ( Kreativer Tanz ), Schauspielerin

Seminare mit focusingorientiertem Umgang mit Teilpersönlichkeiten:

Focusing Basis Ausbildung: https://focusing-bonn.de/focusing/focusing-basis-ausbildung/

Focusing und Essen https://focusing-bonn.de/focusing-und-essen-27-02-01-03-26/

Das innere spielerische Kind ins Leben holen https://focusing-bonn.de/das-innere-spielerische-kind-ins-leben-holen-29-31-05-2026/

Teilpersönlichkeiten. Reisen zu inneren Figuren und Wesen https://focusing-bonn.de/reisen-zu-inneren-figuren-und-wesen-sa-13-so-14-06-26/

Deutsches Focusing Institut DFI

Deutsches Focusing Institut

Ihr Kontakt

Monika Timme, Lehrende im Deutschen Focusing Institut DFI
Leitung: Klaus Renn und Charlotte Rutz

Anmeldung

Telefon 02222 92 99 122

Email monika@focusing-bonn.de